Der Traditionsbahn droht das Aus


Ihre Geschichte ist geprägt von Hoffnung, Enttäuschung und neuer Hoffnung. Totgesagt wird die defizitäre Linie Solothurn-Moutier immer wieder. Doch nun rattert sie bedrohlich schnell in Richtung Abstellgleis.

 
Sven Altermatt

Nach den Sommerferien will das Bundesamt für Verkehr (BAV) mit den Kantonen Solothurn und Bern über die Zukunft der Bahn diskutieren.

In Bundesbern kursieren Pläne, die in Solothurn für Unruhe sorgen. Die Szenarien sind teilweise radikal. Zur Diskussion stehe die Stilllegung der Linie, bestätigt BAV-Sprecher Andreas Windlinger: «Alle Optionen sind offen, bis hin zur Umstellung auf einen Busbetrieb.» Entschieden sei noch nichts. Im amtlichen Planspiel kann die MoutierBahn allerdings nicht mit Assen auftrumpfen, lässt das BAV durchblicken. Beim Bund steht sie längst auf einer Liste der gefährdeten Linien. Ihr Kostendeckungsgrad liegt bei mageren 22 Prozent. Im Schnitt fahren pro Tag nur 500 Reisende mit der Bahn durch den Weissensteintunnel.

Dazu kommen Probleme mit maroder Infrastruktur: Wasser dringt durch den Jurakalkstein und macht dem Gewölbe des Tunnels zu schaffen. Das Herzstück der Linie muss dringend saniert werden – und das wird teuer. Gegenüber dieser Zeitung beziffert das BAV erstmals, was die Sanierung kosten würde: 170 Millionen Franken. Ausgaben für bahntechnische Anlagen und Tunnelsicherheit sind da noch nicht eingerechnet.

Bund muss Zeche zahlen
Unabhängig davon, ob ihr Erhalt gesichert ist: Die Zeit drängt für die Moutier-Bahn. In seinem heutigen Zustand kann der Weissensteintunnel nur noch bis Ende 2016 betrieben werden. Das weiss auch das Bahnunternehmen BLS, zu dem die Linie gehört. Freiwillig dürfte die BLS ihre Bahn jedoch nicht aufs Abstellgleis schieben. Ironischerweise ist es der Bund selbst, der auf die Bremse drücken könnte. Er muss nämlich für die Tunnelsanierung in die Kasse greifen. Seit das Schweizer Stimmvolk im vergangenen Februar die Bahn-Vorlage Fabi angenommen hat, ist die Eidgenossenschaft für die Infrastruktur von Privatbahnen zuständig.

Die Kantone Solothurn und Bern bestellen die Leistungen der Regionalbahn und übernehmen ungedeckte Kosten. Beim zuständigen Amt für Verkehr und Tiefbau will man nicht kampflos auf die Moutier-Bahn verzichten. «Wir werden uns für den Erhalt der heutigen Lösung einsetzen», so Kantonsingenieur Peter Heiniger. «Man darf die Bahn nicht nur aus einem wirtschaftlichen Blickwinkel betrachten.» Für Heiniger ist es «völlig selbstverständlich», dass ländliche Regionen nicht von der Kantonshauptstadt abgeschnitten werden dürften. Schon jetzt ist klar: Der Kanton Solothurn wird für die Tunnelsanierung nicht in die Bresche springen, und er könnte es wohl auch gar nicht. Das grosse Loch in der Staatskasse lässt grüssen.

Seilbahn als Heilsbringerin
Nicht nur die schwache Auslastung und der alte Tunnel bereiten Kopfschmerzen. Die Stilllegung der Linie wäre kaum ein Thema, wenn die Schienen ohnehin vom Fernverkehr beansprucht würden. Doch die MoutierBahn ist nahezu auf sich alleine gestellt.

Immerhin, Pendler aus dem mittleren Leberberg dürften vorerst aufatmen. Wenn der Weissensteintunnel schliesse, sagt BAV-Sprecher Windlinger, «könnte die Strecke zwischen Solothurn und Oberdorf weiterhin von der Bahn bedient werden». Und selbst bei der Umstellung auf Busbetrieb müssten Lommiswiler oder Oberdörfer nur geringe Zeitverluste hinnehmen. Auch die Seilbahn Weissenstein ist darauf angewiesen, dass ihre Talstation vom öffentlichen Verkehr erschlossen wird. Ende Jahr sollen die ersten Gondeln auf den Hausberg fahren. Andererseits, und das ist die Hoffnung vieler, könnte die Seilbahn der Moutier-Bahn zu neuem Schwung verhelfen.

Kampflust im Thal
Anderswo dürften Proteste aufflammen. Für die Gemeinden im hinteren Thal sind die positiven Signale in Sachen Leberberg nur ein schwacher Trost. Sollte der Weissensteintunnel schliessen, wird ihre wichtigste Verbindung nach Solothurn gekappt. «Dann würde ein Busangebot über Oensingen im Vordergrund stehen», schreibt das Bundesamt für Verkehr. Heisst im Klartext: Solothurn-Pendler aus Gänsbrunnen, Welschenrohr und Herbetswil bliebe nur noch der Umweg mit dem Postauto über Oensingen. Zeitverlust: bis zu 45 Minuten. Leidtragende wären vor allem Jugendliche, die in Solothurn zur Schule gehen.

Stefan Schneider dachte zuerst an einen schlechten Scherz, als er von Gerüchten einer Bahn-Stilllegung hörte. Allerdings glaubt auch der Gemeindepräsident von Welschenrohr inzwischen nicht mehr so recht, dass der Fortbestand in Stein gemeisselt ist. «Die Linie nach Solothurn ist für uns von immenser Bedeutung», sagt Schneider. Vorerst will er konkretere Informationen aus Bern abwarten. Rosmarie Heiniger, Gemeindepräsidentin von Gänsbrunnen, hofft derweil auf einen Schulterschluss mit den Berner Gemeinden, die an der Bahnstrecke liegen. Zusammen mit Crémines oder Grandval, so der Plan, soll die Bahn gerettet werden. Gänsbrunnen ohne Bahnanschluss? Das sorge bei den Bürgern im Thal nur für Unmut, weiss auch Kantonsingenieur Peter Heiniger.

Eine Hintertür lässt sich der Bund vorsichtshalber offen: Die BLS muss in seinem Auftrag prüfen, ob der Weissensteintunnel mit «nicht allzu aufwendigen Massnahmen» ein paar Jahre länger genutzt werden kann. In Welschenrohr und Gänsbrunnen vertraut man indes darauf, dass sich die Stilllegung abwenden lässt. Der Bund solle erst mal beweisen, dass die Moutier-Bahn tatsächlich überflüssig ist.

(az Solothurner Zeitung)