Drei Skelette entdeckt: Sind es Opfer des Krieges im 18. Jahrhundert?

 
Vor wenigen Tagen wurden oberhalb von Welschenrohr drei rund 200-jährige menschliche Skelette gefunden. Die Kantonsarchäologie hat sich die Überreste angesehen. Wie die Menschen gestorben sind, ist noch unklar.

 
Fränzi Rütti-Saner

Da staunte ein Baggerfahrer vor wenigen Tagen nicht schlecht, als er mit Abhumusierungsarbeiten in der Malsen ob Welschenrohr beschäftigt war. Dort soll nämlich eine neue Strasse verlegt werden. Künftig sollen die Höfe südlich umfahren werden. Bei weniger als einem halben Meter Tiefe kratzte die Baggerschaufel über eine Schädeldecke.

Sofort alarmierte der Baggerfahrer die Grundbesitzerin Heidi Übelhart und fragte nach, ob hier früher mal ein Friedhof angelegt gewesen war. Heidi Übelhart verneinte. Da handle es sich vermutlich um einen Tierschädel, meinte sie. Doch als sie später nachschauen ging, hatten die Arbeiter soeben einen ganzen Schädel ausgegraben. «Da war es klar, was es war», sagt Heidi Übelhart.

Man informierte das Ingenieurbüro, welches im Auftrag der Flurgenossenschaft Welschenrohr diese Strassenbau-Arbeiten beaufsichtigt. Die Ingenieure wiederum alarmierten Polizei und Staatsanwaltschaft sowie den Kantonsarzt. Bald war aber klar: Das ist ein Fall für die Archäologie, denn ein solch massiver Kariesbefall in den noch vorhandenen Zähnen – und keine einzige Plombe: dieser Mensch musste schon seit langem tot sein.

Schnell vergraben
Archäologin Ylva Backmann, Spezialistin für Mittelalter und Neuzeit, untersuchte dann an vier Tagen die Stelle und barg die Überreste. Sie berichtet, was sie vorerst gesichert weiss. «Es sind drei vollständige Skelette zum Vorschein gekommen, davon sind sicher zwei männlich. Eines ist noch unbestimmt, da es sich um eine jüngere Person handelt.»

Die Personen seien nicht richtig bestattet, sondern eher schnell vergraben worden, da die Grube nur etwa 50 Zentimeter tief ausgehoben war. Ein weiteres Indiz: «Eine Person lag auf dem Bauch, die zwei anderen halb darüber.» Neben den Knochen fand man viele unterschiedliche Knöpfe und Haken, vor allem im oberen Bereich der Leichen, schildert Backmann. «Es könnten Uniformknöpfe sein.» Allerdings habe man nichts Gesichertes gefunden, was auf die Herkunft der Toten hinweise. «Wir werden die Knöpfe nun reinigen und mit Spezialisten begutachten.

Auch die Stoffreste, die noch zum Vorschein gekommen sind, werden Sachverständige beurteilen.» Zur Todesursache kann Backmann noch nichts sagen. «Wir haben nach Verletzungen gesucht, vorerst aber noch keine gefunden, auch keine Kugeln.» Sicher ist die Archäologin aber darin: «Die Funde sind neuzeitlich, schätzungsweise 150 bis 200 Jahre alt.» Man müsse jetzt die wissenschaftlichen Untersuchungen abwarten. «Zudem muss im Staatsarchiv nach möglichen Dokumenten gesucht werden, die uns Hinweise geben.»

Kriegsgebiet Kanton Solothurn
Bei diesen Funden denkt man unweigerlich an den Franzoseneinfall von 1798, der den Kanton Solothurn damals zum Kriegsgebiet machte. Es ging damals um eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Französischen Republik und der Alten Eidgenossenschaft, die zwischen dem 28. Januar 1798 und dem 28. Mai 1799 stattfand.

Der französische Sieg brachte die militärische Besetzung eines grossen Teils der heutigen Schweiz durch Frankreich und die Gründung der Helvetischen Republik als Tochterrepublik mit sich. Die französischen Truppen begannen Anfang März, in einer Zangenbewegung aus Richtung der Waadt und Solothurn auf Bern vorzurücken. Am 1. März 1798 fanden bereits die ersten Gefechte im Thal statt.

So schreibt Hans Sigrist im Band 3 «Solothurnische Geschichte» über die damaligen Kriegsgeschehnisse: «1200 Mann aus dem Thal und 550 aus dem Gäu wurden in Welschenrohr und Gänsbrunnen postiert, um einem Angriff von Münster her zu begegnen»… «Am 1. März griffen die französischen Truppen die Schlösser Dorneck und Thierstein an»... «Der Hauptangriff des französischen Generals Nouvions richtete sich indessen nicht gegen den Passwang, sondern gegen den Pass von Gänsbrunnen und weiter direkt gegen die Hauptstadt Solothurn»... «Ebenfalls am 1. März rückt dann der französische Generaladjutant Bonamy von Münster her gegen Gänsbrunnen vor, zusammen mit etwa 3000 Mann»…. «Am 2. März zogen die Franzosen die Schlucht von Gänsbrunnen herauf und die Berner und Solothurner zogen sich gegen Welschenrohr zurück»… «Ohne Widerstand zu finden, überquerte Bonamy den Weissenstein und schloss sich mit der Armee Schauenburgs (der Befehlshaber des Französischen Heeres) zusammen. Der Rest seines Korps zog plündernd durch das Thal hinunter und durch die Klus ins Gäu hinaus, um sich gegen Olten zu wenden.»… So weit die historisch belegten Angaben.

Keine Verletzungen an Skeletten gefunden
Zu denken, dass die gefundenen Skelette von französischen Soldaten oder von Gäuer oder Thaler Landsturm-Soldaten stammen, liegt im Bereich des Möglichen. Backmann spekuliert, dass die drei auch einer Seuche erlegen sein könnten. Dafür spräche, dass an den Skeletten vorerst keine Verletzungen zu finden waren und dass sie so rasch und unchristlich «verscharrt» worden sind.

Und Heidi Übelhart denkt: «Ich glaube, sie sind eher im Winterhalbjahr ums Leben gekommen. Dafür spricht, dass die Grube nur so wenig tief ausgegraben wurde. Vielleicht weil Schnee lag und der Boden gefroren war.» Es ist auf jeden Fall bemerkenswert, dass auf diesem seit vielen Generationen bewohnten Weiler oberhalb Welschenrohr die Skelette so lange unbemerkt blieben. Heidi Übelhart erklärt: «Da, wo jetzt diese neue Strasse gebaut wird, war so lange ich weiss, eine Hofstatt mit Obstbäumen angelegt. Dort wurde nie umgepflügt, sondern lediglich das Gras gemäht.

Dass in dieser Gegend die damaligen Kampfhandlungen ihre Spuren hinterliessen, ist bekannt. Eine Höhle oberhalb Gänsbrunnen heisst bis heute «Franzosenloch». Und Heidi Übelhart weiss: «Bauern fanden beim Pflügen oft Hufeisen. Und immer hiess es, das seien französische, ganz andere, als wir bei uns kennen.»

Sie sei beim Anblick dieser Skelette schon ein wenig ins Grübeln gekommen, sagt sie weiter. «Man denkt darüber nach, was sich in unserer Gegend vor 200 Jahren so alles abgespielt haben muss.» Jetzt geht der Strassenbau bei ihrem Haus wieder weiter. «Von der Fundstätte sieht man nichts mehr.»

(Schweiz am Sonntag, az Solothurner Zeitung)